Bombenstimmung am Cacheversteck

Um es vorweg zu sagen: in diesem Artikel geht es nicht um einen aktuellen oder gar speziellen Fall, sondern soll im Allgemeinen eine Situation beschreiben, die mir unter den Nägeln brennt.

Wir alle kennen Presseartikel, in denen über Polizei-Einsätze (möglicherweise sogar unter Beteiligung des Kampfmittelräumdienstes) aufgrund eines Geocaches berichtet wird (Beispiele schenke ich mir jetzt). Und wahrscheinlich hat jeder von uns – sofern er nicht betroffen war – über einen solchen Vorfall geschmunzelt. Und sicherlich ist die erste Reaktion: „da hat die Polizei ja übertrieben, das wäre gar nicht nötig gewesen.“ Und ja, so habe ich auch gedacht. Ich habe mir sogar noch mehr Gedanken gemacht.

Es müsste doch an jedem Tag irgendwo in unserem Land Müll und anderer Unrat „gesprengt oder entschärft werden“, weil eine alte Brotdose in einer Grünanlage für einen gefährlichen Gegenstand gehalten wird. Das ist aber nicht so. Warum nicht?

Ich bin der Sache nachgegangen. Glücklicherweise habe ich dienstlich Kontakt zu den Sprengstoffexperten des Landeskriminalamtes und zu Kampfmittelräumern (das sind übrigens coole Typen ;-)). Ich habe konstruktive Gespräche geführt, habe verstanden und einiges gelernt.

Aber nicht alle meine Fragen wurden beantwortet. Unter anderem fehlte die Antwort auf die Frage: wie kommt es überhaupt zu einem solchen Einsatz?

Naiv dachte ich an den folgenden Ablauf: Muggel findet komische Dose, ruft Polizei, Polizei kommt, Kampfmittelräumer kommen, sprengendie komische Dose und die Polizei schickt eine Rechnung an den Cacheowner.

Falsch. (Und jetzt müsst Ihr stark sein, denn das wäre erst die Einleitung!)

Anfang des Jahres erhielt ich eine Anfrage, ob ich bei einer Masterarbeit im Rahmen es Studiums an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster für ein Gespräch zur Verfügung stehen würde. Diese Chance lies ich mir nicht entgehen, denn schließlich hatte ich Gelegenheit meine Erfahrung und mein Wissen an die Polizei weiterzugeben, aber auch etwas aus dem polizeilichen Umfeld zu erfahren.

Und dadurch erfuhr ich, dass die Polizei in den meisten Fällen nicht durch das Auffinden einer verdächtigen Dose aktiv wurde, sondern durch das auffällig unauffällige Verhalten von Geocacherinnen und Geocachern.

Dieses Verhalten führt bei Muggels also dazu, die Polizei zu alarmieren, die dann vor Ort einen verdächtigen Gegenstand vorfindet. Nun muss der Polizeibeamte vor Ort entscheiden, was er macht.

Ist er unter Umständen bereits erfahren, traut er sich vielleicht, den Behälter zu öffnen. Glück für die / den Owner(in), der Vorgang ist glimpflich abgeschlossen.

Aber: versetzt Euch in die Rolle eines Polizisten: verdächtiges Verhalten, komischer Behälter vor Ort und der Eigenschutz geht natürlich grundsätzlich vor. Warum sollte er also diesen Behälter öffnen? Für diesen Fall gibt es doch Experten.

Es folgt ein Anruf bei der Leitstelle und der Kampfmittelräumdienst wird angefordert.

Nun könnte man natürlich argumentieren, dass zum Beispiel von einer Filmdose, keine große Gefahr ausgehen würde. Falsch! Eine Filmdose, die z.B. mit Sprengstoff gefüllt wäre, könnte bereits großen Schaden anrichten!

Und auch von uns gerne verwendeten Bauteile, wie Panzerband, werden z.B. auch von Bombenbastlern (von denen es mehr gibt, als man vermuten mag!) verwendet!

Der Kampfmittelräumdienst ist eingetroffen. Nun wird der Behälter entweder per Hand geöffnet (Glück gehabt!) oder er wird geröntgt. Auf dem Röntgenbild erkennt man zwei Drähte. Der Behälter wird durch den Manipulator mit einem Wasserstrahl “zerlegt” und zum Vorschein kommt ein Fetzen Papier, die Spirale eines Ringbuches (Draht Nr. 1) sowie ein Kugelschreiber (Die Feder darin ist Draht Nr. 2).

Nun kann man sich die Frage stellen, ab welchem Zeitpunkt hier etwas anders laufen müssen müsste, damit es nicht zu einem Polizeieinsatz solchen Ausmaßes kommen würde.

Und die Antwort ist ziemlich einfach:

1. Benutze den gesunden Menschenverstand!
Wer einen Behälter an einer Ampel befestigt, an dem LEDs blinken (Klischee einer Bombe!) oder wer einen Cache versteckt, aus dem Drähte herausschauen, darf sich sicherlich nicht wundern, wenn ein Polizeieinsatz folgt. Es ist auch ein Unterschied, ob sich ein Behälter im Wald befindet oder in der Innenstadt!

2. Kennzeichne den Geocache!
Und zwar mit dem Hinweis “Geocache” und am besten sogar noch mit Deinem Namen, Deiner Telefonnummer und / oder Deiner E-Mailadresse. Da mögen sicherlich einige von Euch meinen: “Ich bin ja nicht doof, dann weiß ja die Polizei gleich, wo sie die Rechnung hinschicken müssen.”

Aber nach meinem Rechtsverständnis (ich kann Euch aber keine Rechtsberatung) bieten, kann man Euch keinen Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit unterstellen, wenn Ihr Punkt 1 und Punkt 2 beachtet habt!

So gibt es zum Beispiel einen Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Wäre also eine Telefonnummer sichtbar auf dem Geocache angegeben, hätte die Polizei ja durchaus eine Chance, bei Euch anzurufen, um sich zu erkundigen oder eine Entfernung zu verlangen.

Es gibt auch (bisher) kein Verbot, Geocaches zu verstecken! Insofern gilt es, den Vorwurf des Vorsatzes oder einer (groben) Fahrlässigkeit zu vermeiden!

Zur Beschriftung empfehle ich gerne den Cachelabel-Generator, der dafür aus meiner Sicht gut geeignet ist: Felder ausfüllen, ausdrucken, ausschneiden, laminieren und gut sichtbar auf die Dose kleben!

Und dann überlege Dir bitte, wie Muggels (echte Muggels, die noch nie etwas von Geocaching gehört haben) reagieren würden, wenn sich (wiederkehrend) verdächtige Personen an einem Ort mit einem unbekannten Behälter versammeln würden.

12 Gedanken zu „Bombenstimmung am Cacheversteck

  1. Danke für den Artikel.

    Ist ist IMMER eine gute Idee, draußen auf dem Behältnis deutlich(!) erkennbar einen Hinweis auf das „Weltweite Spiel Geocaching“ anzubringen. Nach meinen Erfahrungen (diverse Anrufe von Polizeien über die Jahre) braucht es da noch nicht mal ne Telefonummer. Wobei: Was ist denn dabei, eine (zusätzliche Voip)Telefonnummer fürs Geocaching auf die Dose zu schreiben? Wer sollte das mißbrauchen. Ein einigermaßen vernünftig gelegtes Cache verträgt auch ne Telefonnummer (meine Meinung!).

    Jörg

  2. @-JHA-

    Wer aufmerksam liest, lernt folgendes:
    1. Die Polizei wird sich nicht allein auf den Aufkleber verlassen.
    2. Eine funktionierende Rückversicherung wird ein Bombenleger kaum haben.
    3. Eine durchsichtige Dose enttarnt eine echte Bombe doch sehr schnell.

    Und allgemein zum „gesunden Menschenverstand“ schließe ich mich Descartes an, der sagt: »Nichts ist so gerecht verteilt wie der Verstand. Jeder, der gefragt wird, behauptet, genug davon zu haben.«

    • @Huskys Team: Im Prizip hast Du recht. Der Bombenleger wird sich nicht mit einer Tarnung als Geocaching-Dose aufhalten, sondern es hinbekommen, völlig unverdächtig seine Höllenmaschine getarnt in einem alten Kühlschrank oder einem alten Röhrenfernseher direkt aus dem Auto an den Straßenrand zu stellen, vielleicht noch garniert mit etwas was ausschaut wie ein 5l-Kanister mit Altöl.
      Denn soetwas pflegt tagelang unbeachtet am Straßenrand herumzustehen bis die Stadtreinigung einmal in der Woche vorbeikommt. Wer wollte sich an Unrat schon die Finger dreckig machen, zumal ja offensichtlich zu sein scheint(!) was es ist. Da wäre dann alle Zeit der Welt um per Zeit- oder Fernzünder auszulösen.

  3. Dieser Artikel spiegelt nahezu exakt meine Ansichten und Erfahrungen im städtischen Umfeld wider. Ich würde sogar noch etwas weiter gehen und fordern, dass ein Cache im urbanen Raum MINDESTENS mit einem Hinweis und einer Telefonnummer (am besten eine rückverfolgbare) ausgestattet sein MUSS. Zur Kennzeichnung das Wort „Geocache“ zu verwenden, halte ich allerdings nicht für sinnvoll, denn es ist noch längst kein Wort des allgemeinen Sprachgebrauchs (auch wenn viele das so empfinden). Ich selbst habe mir angewöhnt, die Formulierung „Ungefährlicher Spielgegenstand!“ zu verwenden. Die ist allgemein verständlich und zusammen mit einer Kontakttelefonnummer (Email reicht definitiv NICHT) nahezu Polizeisicher.

    Man kann aber auch beim Design der Dose einiges beachten. Eine mit Camoutape eingewickelte Dose wird immer ein größeres Schreckpotenzial haben, als eine farblich der Umgebung angepasste, die dann vielleicht noch so gestaltet ist, als ob sie dort hingehört. Man sollte sich immer überlegen, welchen ersten Eindruck ein Cache auf einen Zufallsfinder ausübt.

    Bezüglich Telefonnummer auf Cachebehälter: Ich selbst praktiziere das ja schon seit Jahren, und zwar sehr exzessiv. Ich habe bisher noch keinerlei schlechte Erfahrung damit gemacht. Die Nummer wird natürlich vorwiegend als Telefonjoker von Cachern genutzt, doch unerwünschte Anrufe habe ich in all den Jahren keine bekommen. Im Gegenteil: Einmal hat mich ein Muggel angerufen, weil er einen meiner Caches kaputt auf der Straße gefunden hat. Das fand ich schon sehr cool ;-). Zweimal hat diese Nummer auch schon ihren eigentlichen Sinn erfüllt, nämlich einen Anruf von Sicherheitsdiensten ermöglicht, die von Muggeln auf die Dosen aufmerksam gemacht wurden. Beide Dosen wurden anschließend von mir (auf Wunsch der beteiligten Partner) archiviert, ohne dass es zu kostspieligen Polizeieinsätzen gekommen wäre.

    Viele Grüße
    Gerald

  4. Bei meinen Dosen steht immer meine Telefonnummer drin und falls möglich auch außen drauf. Das hat bisher weder genützt noch geschadet.
    Eine Geocacheaufkleber mit kurzer Beschreibung sagt meist schon genug aus.

  5. Danke für die guten Hinweise. Ich werde zukünftig immer meine Telefonnummer auf den Caches anbringen. Wäre gar nicht selbst auf die Idee gekommen…..

  6. Wäre es nicht eine weniger aufwändige Lösung dieses Problems, wenn nach einer Verdachtmeldung die Polizei mal auf der GC-Seite nachsieht, ob da eine Dose (Tradi) gelistet ist? Um auch Multi- und Rätselcachefinals zu überprüfen, könnte die Polizei vielleicht zu GC Kontakt aufnehmen, um abzuklären, ob an dieser Position ein Cache liegt.

    Natürlich finde ich es auch sinnvoller, Caches eindeutig zu kennzeichnen und halte mich daran.

    Viele Grüße
    f-l

    • Ahoi!

      Sicherlich würde das auch gehen. Da ist aber die Frage, ob sich a) die Polizei die Mühe zur Ermittlung geben will / kann und b) ob die Zeit dafür gegeben ist.

      Letztendlich sollte man aber auch bedenken, dass noch andere Geocaching-Portale gibt und Dosen auch von Muggels gefunden werden können. Insofern halte ich die Beschriftung einer Dose immer noch für die einfachste Methode.

  7. Genau wie ich immer sage: Das „auffällige Unauffällige Verhalten“ ist maßgeblich. Anstatt offensiv mit dem Hobby umzugehen, auf Beobachter zuzugehen und ihnen das Handeln zu erklären, meinen viel zu viele Cacher es sei besser, sich unauffällig zu verhalten, als wenn es etwas zu verheimlichen gäbe. Dabei ist gerade letzteres Verhalten schädlich, macht mißtrauisch und neugierig. Wenn die Anwohner wissen das dort eine Dose liegt und Leute sie suchen dann sagen sie auch nix, vielleicht „bewachen“ sie sie sogar (hab ich auch schon erlebt) oder sind stolz auf die Attraktion vor der Haustür.

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